Mahlers Auferstehungssinfonie – Einführung zum Werk

Was ist das für eine Sinfonie, die eine solche Faszination ausübt? Nicht nur die heutigen Musikschaffenden und -rezipierenden schätzen die Zweite Gustav Mahlers so, dass sie kürzlich am zehnten Jahrestag der Anschläge auf New York am 11. September als einziges Werk auf dem Programm des Gedenkkonzertes stand. Auch schon zu Mahlers Lebzeiten wurde sie immer und immer wieder aufgeführt, öfter als jede andere Sinfonie des Komponisten. Mahler selbst war sie so wichtig, dass er sich mit einer Aufführung dieser Komposition 1907 aus Wien verabschiedete.

Das nach dem Text des letzten Satzes auch „Auferstehungssinfonie“ genannte Werk wurde 1895 erstmals in Berlin aufgeführt. Erste Arbeiten daran datieren aber bereits aus dem Jahr 1888. Mahler setzt neben einem großen Orchester (mit Fernorchester aus Blechbläsern und Schlagzeug im fünften Satz) auch einen bis zu sechsstimmigen gemischten Chor sowie Sopran- und Alt-Solo ein. Entstanden ist so eine Sinfonie, die mit etwa 80 Minuten Spieldauer ein ganzes Konzertprogramm füllt.

Kopf- und Schlußsatz

Der erste Satz ist als eine Art Sinfonische Dichtung über den Tod eines „Helden“ von Mahler unter dem Titel „Todtenfeier“ durchaus auch für eine selbständige Aufführung (in leicht abgewandelter Form) vorgesehen worden. Er spielte diesen Satz dem Dirigenten Hans von Bülow in einer Klavierfassung vor, der ein vernichtendes Urteil darüber abgab.
Wie eine Ironie des Schicksals mutet es an, dass Mahler schließlich bei der „Todtenfeier“ für Hans von Bülow am 29.3.1894 die zündende Idee für die Gestaltung des letzten Satzes unter Verwendung der Klopstock-Dichtung „Die Auferstehung“ erhielt, die bei dieser Feier vom Chor gesungen wurde. Mahler vertonte den von ihm selbst bearbeiteten Text neu für Sopran- und Alt-Solo sowie Chor und bettete ihn ein groß angelegtes Finale ein.

Die Mittelsätze

Diese beiden umfangreichen und jeweils fast eine halbe Stunde dauernden Sätze umrahmen drei kürzere Abschnitte. Sie ermöglichen inhaltlich die Entwicklung von dem Verzweiflung widerspiegelnden ersten Satz zum apotheotischen Auferstehungs-Versprechen des letzten Satzes.

Der überaus große Kontrast zwischen dem ersten Satz und dem folgenden lyrischen Andante war wohl auch für Mahler nicht ohne weiteres zu überbrücken, denn er schreibt eine fünfminütige Pause zwischen diesen Sätzen vor. Eine grundsätzliche Umstellung der folgenden Sätze hatte er wohl angedacht, dann aber doch nicht für sinnvoll gehalten.
Das dem Andante folgende Scherzo verwendet das musikalische Material des Wunderhorn-Liedes „Des Antonius von Padua Fischpredigt“, ohne die Singstimme einzusetzen. Die zunächst eher gelassen anmutende Sicht auf die Vergeblichkeit des täglichen Mühens (musikalisch durch eine ununterbrochene Sechzehntelbewegung dargestellt, die wie um sich selbst kreist und keine wirkliche Entwicklung mehr zulässt) wird ins geradezu Bizarr-Pessimistische gewandelt.
Die hierauf folgende Orchesterfassung des Liedes „Urlicht“ für Alt-Solo ist ebenfalls der Sammlung „Aus des Knaben Wunderhorn“ entnommen und bildet nicht nur durch seine kontrastive Schlichtheit das Bindeglied zwischen Scherzo und Finale. Inhaltlich verbindet es die Resignation am Lebenskampf aus dem vorhergehenden Satz (hier aufgegriffen durch die Feststellung „Der Mensch liegt in größter Not…“) mit der Hoffnung auf das „ewig selig Leben“. Mit diesem Satz setzt Mahler erstmals in seinem Schaffen die menschliche Stimme in einem sinfonischen Werk ein.

Die musikalische Idee

Mahler litt als Komponist daran, auch mit einem großen Orchester nur begrenzte Ausdrucksmöglichkeiten zu haben. Die menschliche Sprache und Stimme als „Träger meiner musikalischen Idee“ (Mahler, 1897) war für ihn Steigerung und Vervollkommnung zugleich. Gleichgültig, ob man die fünf Sätze dieser Zweiten Sinfonie Gustav Mahlers nun mit einem programmatischen Konzept versieht (was Mahler selbst später vehement ablehnte) oder als absolute Musik versteht (was bei den mit Text unterlegten Sätzen nur bedingt möglich ist): Die Musik kann für den Zuhörer alle Facetten des menschlichen Lebens widerspiegeln oder eben auch „nur“ alle Aspekte der Musik als solcher. In jedem Fall wirkt diese Musik universell und wohl auch deswegen so faszinierend.

© Dr. Claudia Korsmeier

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